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	<title>Ungarische Literatur in deutscher Sprache</title>
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		<title>Ungarische Literatur in deutscher Sprache</title>
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		<title>Rezension: Julia Schiff &#8222;Steppensalz&#8220;</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 10:03:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erinnerungsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Schiff, Julia]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Aufzeichnungen eines Deportierten Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, 2000 ISBN: 3-88356-155-X Bezug: Antiquariat Im Jahre 1951 wurden etwa 40 000 Personen, die in den Augen der kommunistischen rumänischen Diktatur als unzuverlässig galten, und in der Nähe der serbischen Grenze, im rumänischen Banat lebten, nach Ost-Rumänien, in die Bărăgan-Steppe verschleppt und auf freiem Feld ausgesetzt. In dieser Steppe [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=732&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/02/steppensalz_cover.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-733" title="Steppensalz_cover" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/02/steppensalz_cover.jpg?w=93&#038;h=150" alt="" width="93" height="150" /></a> <em>Aufzeichnungen eines Deportierten<br />
Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, 2000<br />
ISBN: 3-88356-155-X<br />
Bezug: Antiquariat </em></p>
<p>Im Jahre 1951 wurden etwa 40 000 Personen, die in den Augen der kommunistischen rumänischen Diktatur als unzuverlässig galten, und in der Nähe der serbischen Grenze, im rumänischen Banat lebten, nach Ost-Rumänien, in die Bărăgan-Steppe verschleppt und auf freiem Feld ausgesetzt. In dieser Steppe fließt nur spärlich Wasser, die Sommer sind glühend heiß, die Winter eisig kalt mit vielen Schneestürmen. Besonders der Crivaţ, ein aus dem Nordosten hereinfegender Sturm ist gefürchtet. Die Deportation betraf nicht nur Einzelne, sondern ganze Familien, vom Säugling bis zum Greis. Zu den Verschleppten gehörten ungefähr 10 000 Deutsche, Banater Schwaben, die zum Teil erst aus sowjetischen Lagern heimgekehrt waren. In mühseliger Arbeit bauten sie Häuser aus Erde, in denen sie fünf Jahre lang lebten, bis sie zurückkehren durften. Zurück in der alten Heimat, waren sie als „Volksfeinde“ weiterhin Verdächtigungen und Repressalien ausgesetzt.<br />
Von diesen Leidensjahren in der Steppe erzählt Julia Schiff. Sie selbst wurde als Elfjährige mit ihrer Familie aus dem Banater Dorf Detta, nahe der serbischen Grenze, deportiert und lässt ihren Vater, den Rechtsanwalts Dr. Antal Büchl aus Detta, anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen berichten.</p>
<p>Am 17. Juni 1951 fürchten bereits viele Bürger Dettas, dass ihnen die Deportation drohe. Enteignet waren sie bereits, die Listen sind schon erstellt. In der nächsten Nacht ist es dann soweit. Vier Stunden Zeit bleiben, um alles zusammenzupacken. Zu ihrer großen Verblüffung dürfen sie außer Nahrungsmittel auch Möbel, Geschirr und Kleidung mitnehmen. Im Dorf herrscht Ausgehverbot; niemand soll mit den Verbannten sprechen dürfen. Auf den Bahnhöfen wimmelt es von Menschen, Möbeln und Gepäckstücken. In den Zügen staut sich die Hitze, Wasser gibt es kaum. Nach angstvollen, unsicheren Tagen lädt man sie einfach in der Bărăgan-Steppe ab, mitten in Sand und Staub, ohne Wohnung, ohne ein Dach über dem Kopf, in glühender Hitze.<br />
Zunächst lesen wir die knappen Tagebucheintragungen von Antal, dem Dettaer Rechtsanwalt Dr. Büchl, der ungläubig bis verzweifelt von vielen Misserfolgen, vom Kampf mit der Natur und der Willkür der Behörden berichtet. Die Menschen wollen es zunächst gar nicht glauben, versuchen sich nur gegen den unermüdlich brausenden Wind zu schützen. Wasser gibt es aus einem zwei Kilometer entfernten Brunnen; ständig ist ein Menschenstrom dorthin unterwegs. Wie sollen sie sich eine Unterkunft verschaffen? Baumaterial ist nicht in Sicht und wird auch nicht ausgegeben. Nur die Miliz ist tätig, die Kinder werden aus der Jugendorganisation ausgeschlossen – sie sind ja Deportierte; weiterführende Schulen dürfen sie nicht besuchen. Nur arbeiten sollen sie! Die Steppe soll nach dem Plan der Regierung in blühendes Land umgewandelt werden, Baumwolle- und Weizenfelder sollen entstehen und Aprikosenplantagen angelegt werden. Doch das Klima wird diesen Plänen immer einen Strich durch die Rechnung machen. Die Verschleppten dürfen sich nur in einem Umkreis von 15 km bewegen, sonst droht ihnen der Abtransport ins Arbeitslager am Schwarzmeer-Kanal. Alle haben nur noch Pflichten, keinerlei Rechte. Die „Ortschaft“ erhält den Namen Boduşanii-Noi. Einige Entschlossene versuchen es mit Erdhöhlen, graben sich ein, wie in ein Grab, doch für die Überdachung ist nichts da. . „Ich schaue auf den Grund des Loches, als wäre es mein eigenes Grab“. …In diesem eigenhändig ausgehobenen Grab werde ich meine Familie unterbringen. Es wird den meinen so viel Obdach bieten wie ein Sarg. Es wird Träume in sich begraben….“ Die Einheimischen aus den Nachbardörfern warnen vor den unbarmherzig- eiskalten schneereichen Wintern, in denen der Crivaţ unaufhörlich tost. Vater Antal, dem Geistmenschen, fällt körperliche Arbeit schwer. Er ist ein Denker und Grübler, der es sich eigentlich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, über sein Heimatdorf eine Chronik zu schreiben, über die Zeit, in der seine Vorfahren aus Lothringen und dem Saarland vor 300 Jahren als arme Siedler ins Land gekommen und es bis zum 1. Weltkrieg zu wohlhabenden, angesehenen Bürgern gebracht hatten.<br />
Im Laufe der Aufzeichnungen fliegt er in Gedanken immer wieder nach Detta, entflieht dem täglichen zermürbenden Überlebenskampf in der Steppe. Antal denkt schreibend über seine Familie, seine Vorfahren und über seine Heimat nach. Er liebt seine Heimat Detta, wollte sich nicht mehr von dort trennen, nachdem er als junger Mensch gereist war und versucht hatte, seinen Lebensmittelpunkt in Klausenburg zu finden. Doch Eltern und Tradition hatten ihn mit unsichtbaren, doch starken Fäden wieder an sich gezogen. Nun sieht er seine Aufgabe darin, über seiner Familie zu berichten. Er beschreibt seine fleißigen und loyalen Eltern mit ihrem großen sozialen Verantwortungsgefühl, seinen Onkel Peter, der auch schon mit Aufzeichnungen über die Ahnen begonnen – und der ihm diese überlassen hatte. Er denkt über die Großeltern nach und was von ihnen, den Nachfahren eigentlich erwartet wurde – und dass ihm, Antal, diese Bürde oft viel zu schwer dünkte.<br />
Nun ist er in der Steppe mit seiner Familie gefangen. Vor dem Winter wird die ganze Gemeinschaft gezwungen, Häuser aus Erde zu bauen. Die Menschen schlagen Ziegel aus Donauschlamm. Den ersten heftigen Regenschauern hält manches Haus nicht stand und sinkt wieder in sich zusammen. Die Strohdächer sind nicht dicht, die Lehmwände feucht. Was daran gehängt wird, schimmelt. Doch die Familie kann sich, immer das Nächstliegende vor Augen, durchbringen. Die Menschen sind völlig fertig und ausgelaugt. Und doch, immer wenn in Gemeinschaftsarbeit wieder ein Haus fertig ist, glimmt Lebensmut auf, es wird Akkordeon gespielt und getanzt. Antals heiterer, praktisch veranlagten Frau Nelly gelingt es buchstäblich, aus Nichts etwas zu machen, z. B. Spinat aus Brennnesseln. Sohn Bela ist es mit seinen zwölf, dreizehn Jahren gerade recht, dass er keine Schule besuchen darf – er will sich nützlich machen. Und wenn es dem Vater wieder einmal gelungen ist, ihn in einer Schule unterzubringen, wird er mit Sicherheit von der Miliz wieder zurückgebracht: Deportierte haben kein Recht auf Bildung. Die Stimmung zwischen Vater und Sohn verschärft sich immer mehr: Der Junge kommt in die Pubertät, er will sich nichts mehr sagen lassen, legt sich mit dem Vater an, hält ihn für einen Versager, der nichts gelernt hat, was man im Leben brauchen kann. Bela will kein Außenseiter sein, will zur Gruppe der Gleichaltrigen gehören und wirft dem Vater sogar vor, ein Ausbeuter gewesen zu sein. Es dauert lang, bis er einsieht, dass er nur durch Lernen anders werden kann, als zu Menschen, die man hier aus ihnen machen möchte. Trotzdem trägt der Junge in diesen fünf Jahren der Verschleppung zwischen seinem 12. und 17. Lebensjahr viel zum Erhalt der Familie bei, ist zeitweise der einzige Ernährer. Anders seine Schwester Julia, die wohl mit der Autorin identisch ist. Sie lernt verzweifelt. Nicht nur, weil sie gern und leicht lernt, sondern auch, weil sie erkannt hat, dass man ihr das einmal Gelernte nicht mehr wegnehmen kann. Das kleine Mädchen wird sofort zum Arbeitseinsatz geführt und muss so hart arbeiten wie die anderen, oft von Hunger geplagt. Irgendwann wird der Vater als Lehrer in der Volksschule eingesetzt.<br />
Einzig die kleine Schwester Marie, die als Kleinkind in die Steppe kam, die nichts anderes kennt, passt sich selbstbewusst an. Trotzdem: Die Eltern bedauern sie, weil sie nie die Geborgenheit eines Hauses, schön gedeckte Tische, gute Speisen, weil sie nie ein gemütliches Weihnachtsfest kennen lernen konnte.<br />
Antals Gedanken beschäftigen sich immer wieder mit Detta; er will die Freiheit des Geistes nicht dem Joch der Steppe opfern. Er berichtet von geschichtlichen Ereignissen, nach der Abtrennung des Banat von Ungarn, als sich überall der Nationalismus und die Schikanen erhoben, als nur noch Rumänen bestimmte Berufe ergreifen durften, er berichtet von der Zeit, als Hitler die Volksdeutschen in sein Lager ziehen wollte, als sich einige Dettaer dem Volksbund anschlossen, und Schilder in Geschäften auftauchten: „Kauft nur bei Deutschen“. Doch Antal blieb ein Beobachter am Rand, er schloss sich nirgends an, fühlte sich durch und durch als Europäer, wie viele andere Mitbürger auch, bemüht zu versöhnen und nicht noch mehr Gräben auszuheben. Er erzählt von der kurzen Zeit, als Serbien sich das ganze Banat einverleiben wollte, von Besetzung und Plünderung, schließlich von der neuen kommunistischen Macht, die Deutsche und Ungarn und alle, die sich nicht ohne Wenn und Aber auf ihre Seite schlugen, zu Volksfeinden erklärte.<br />
Die begabte Julia gewinnt ein Literaturpreisausschreiben, darf als Deportierte den Gewinn aber nicht in Empfang nehmen. Antal wird endlich als Lehrer in der Volksschule eingesetzt. Er kommt auf die Idee, mit seiner Tochter Julia heimlich auch andere Schüler auf die Abschlussprüfungen und die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium vorzubereiten: er hat endlich das Gefühl, seine Bestimmung gefunden zu haben. Alle Kinder wollen auf einmal lernen, sich aus Trotz ihren Demütigungen als Individuen entgegenstellen. Vielerlei Steine und Behördenwillkür stellen sich ihm in den Weg, doch mit zäher Ausdauer können er und die Kinder die Hürden überwinden, obwohl Julia auf dem Weg zur Prüfung im eisigen Januar 1954 beinahe erfroren wäre.<br />
Im März 1953 hatten die Menschen erfahren, dass Stalin tot ist. Wird nun auch für sie ein politisches Tauwetter einsetzen? Es sollte noch drei Jahre dauern, bis die Deportierten endlich, nach Prüfung ihrer Unterlagen, wieder zurückkehren können. Doch auch in der Heimat sind sie nur in eine vermeintliche Freiheit zurückgekehrt. Zwar erhält die Familie ihr Haus in Detta wieder, doch Wohnung und Garten müssen erst wieder bewohnbar gemacht werden. Antal darf nur kurze Zeit unterrichten, dann wird ihm auch dieses Privileg wieder entzogen. Doch die Kinder dürfen lernen, ihr Abitur machen. Zur Hochschule werden sie allerdings nicht zugelassen. Ihnen steht nur eine Fachausbildung zu.<br />
Am Ende der Steppentage resümiert Antal: „Seltsam: Noch nie habe ich mich so gut aufgehoben gefühlt wie hier, in der Gesellschaft der Entrechteten – einer schutzlosen und doch schützenden Gemeinschaft. … Dem Rand der Versöhnung mit meinem Schicksal bin ich durch das Suchen und das Grübeln bereits näher gelangt als dem der Verzweiflung. Ich werde mir hier noch viele Einsichten erwerben und werde irgendwann vielleicht als ein anderer Mensch heimkehren. Ich werde die Weisheit der Steppe akzeptieren und ihre würzige Lehre annehmen: das Steppensalz“.<br />
Im Nachtrag klingt er allerdings eher resigniert: Sollten die Ungarn aus Detta weggehen, so würden sie sich ihnen anschließen, im Neuanfang sind Antal und Nelly schließlich Meister.<br />
Julia Schiffs eindringliche, ausdrucksstarke Erzählungen fesseln und machen eine Zeit gegenwärtig, die noch gar nicht so lange vergangen ist, als in Europa die Menschen gewaltsam ihrer Freiheit beraubt, für Taten und Gesinnungen bestraft wurden, die den Machthabern nicht passten. Viel zu wenig wissen wir hier im Westen – außerhalb der Landsmannschaften &#8211; über diese Deportationen, über den Leidensweg und Überlebenskampf der Verschleppten. Es ist immer noch Zeit, dass wir uns diesen Schicksalen stellen.</p>
<p>© Gudrun Brzoska, Februar 2012</p>
<p>Über Julia Schiff<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/schiff_julia.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Péter Esterházy &#8222;Donau abwärts&#8220;</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 15:45:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erinnerungsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Esterházy, Péter]]></category>
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		<description><![CDATA[Roman Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki Verlag Berliner Taschenbuch Verlag, 2006 ISBN: 978-3-8333-0435-4 Originaltitel: Hahn-Hahn grófnő, 1991 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 9,90 Elias Canetti: „Man muss nicht unbedingt verreisen, wenn man an einem ruhigen Wochenende einmal den Geruch einer ganz anderen Welt riechen, den Geschmack fremdartiger Gewürze erleben und ganz ungewöhnliche Geräusche hören möchte.“ [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=722&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki<br />
Verlag Berliner Taschenbuch Verlag, 2006<br />
ISBN: 978-3-8333-0435-4<br />
Originaltitel: Hahn-Hahn grófnő, 1991<br />
Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 9,90</em></p>
<p>Elias Canetti: „Man muss nicht unbedingt verreisen, wenn man an einem ruhigen Wochenende einmal den Geruch einer ganz anderen Welt riechen, den Geschmack fremdartiger Gewürze erleben und ganz ungewöhnliche Geräusche hören möchte.“<br />
Canetti ist einer der Autoren, die uns Péter Esterházy im Anhang seiner „(nicht) benutzten Fachliteratur“ nennt. Donau abwärts, von der „edlen“, aber nicht wirklichen Quelle in Donaueschingen, bis zur Mündung nimmt uns der Autor, alias Murkel, alias „Reisender (Mietling)“ auf seinen tatsächlichen und imaginären Donaureisen mit. Dabei kostet er genüsslich jeden Abschnitt, jede Donauschleife aus, wenn er mit Zug, Auto oder Schiff – oder nur in seiner Vorstellung reist. Den Leser überschüttet er mit einer Flutwelle voller Geschichten und Histörchen, voller Legenden und Schnurren, gespickt mit eigenen und Fremdzitaten. Er hat dabei Bibliotheken und die dazugehörigen Literaturen „durchgemacht“, die sich mit der wissenschaftlichen, technischen, landschaftlichen, geschichtlichen und belletristischen Seite der Donau befassen. Wir erfahren (fast) alles über Fischzucht und Fischgründe, über gutes und weniger gutes, landestypisches Essen, über Land und Leute – und über seine eigenen Gedanken zur Donau, der Schlagader Mitteleuropas. Von zwei großen Reisen erzählt er, Reisen, die sich kreuzen und tatsächlich wie Flussläufe mäandern, sich miteinander schlängeln, parallel laufen, im Fluss der Erzählung und der Zeit Inseln bilden, Strudel und Schleifen. Wir folgen dem Lauf der Donau, verbunden mit der erlebten Geschichte an ihren Ufern. Sie ist der führende Fluss Mitteleuropas, vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Heine sah den Rhein als den Fluss der Deutschen an, Esterházy die Donau als das Ganze, die Form, das kulturelle Brückensymbol, das allerdings nicht immer funktioniert. Die Donau ist das Sinnbild des kollektiven Gedächtnisses, die Verbindung zwischen Ulm, Wien, Budapest und Belgrad, und seiner eigenen Verbindung, wenn der Autor zwischen diesen Städten auf der Donau reist. Sie ist die Vermittlerin zwischen Ost und West, das seit dem 2. Weltkrieg keine gemeinsame Geschichte hatte. Sie ist die Klammer der Zusammengehörigkeit zwischen den „Nachbarn“, die sich viel zu gut kennen und sich gerade deshalb so „fremd“ sind, dass andauernd Streit zwischen ihnen ausbricht. Die Wahrheit über die Donauvölker, über Mitteleuropa ist die: „Alkohol und Hass gegen die Sowjetunion hielten sie zusammen“. Die Völker sind Nachbarn – und damit auch Nachbarn der Sowjetunion. Sie brüsten sich damit, dass sie schwere Jahre erlebt haben, Leid und Erniedrigung sind zu einer „Art Anstecknadel“ des „Dennoch“-Sieges geworden. Alles was vorher war, war besser, Nostalgie und verlorene Jugend beherrschen die Erzählungen der Menschen.<br />
1963, als Dreizehjähriger, Murkel genannt, macht er mit seinem sagenhaften Onkel Roberto, der irgendwie in die Familie hineingeraten ist und vor allem von der weiblichen Verwandtschaft angehimmelt wird – Murkel „betet ihn an“ &#8211; eine Donaureise von Wien nach Donaueschingen und von dort „Donau abwärts“ wieder zurück, wo Roberto verschwindet, plötzlich nicht mehr existiert. Erst 27 Jahre später, bei seiner zweiten großen Donaureise, erfährt E., was es mit Roberto auf sich hatte.<br />
Die Erzählung fließt zwischen den Reisen hin und her, vom Staunen des dreizehnjährigen Murkel, als er zum ersten Mal nach Wien kommt, sofort als Ost-Ausländer erkannt und dort standesgemäß eingekleidet wird – und als „Reisender“ später wieder in Wien, das keine Donaustadt ist, sondern ein Donaufriedhof. &#8211; Wien, wo die Zeit stehen zu bleiben scheint und doch alles verändert ist: „Ich bin in einem sehr komplizierten Sinn heimatlos geworden“ (Werfel: „Einst war hier meine Welt, mit der ich eigentümlich verbunden war….“).<br />
Als Erwachsener will „Reisender (Mietling)“ den Lauf der Donau abfahren, was aber nur selten gelingt; denn die Straßen kreuzen, d.h. „überfahren“ die Donau. Er kommt ins Sinnieren, als er am Zusammenfluss von Brigach und Breg Blätter ins Wasser wirft: „Da begriff ich, dass ich von diesem Fluss alles bekommen würde, Auskunft über Berge und Wasser, Geschichte, Volkskunde, Fremdenverkehr samt Anekdoten, Hoffnungen und Toten, alles würde da sein, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Hochwasser und Dürre, Stromwirbel und Fischsuppe, und Menschen würden sein …“ Und diese „Donauauskünfte“ teilt „Reisender“ mit uns: „Reisender“ wurde nämlich angemietet, um für „Auftraggeber (Mieter)“ in seinem Namen eine Reise zu unternehmen und alles darüber aufzuschreiben. Wir, die Leser könnten uns auch als diese Auftraggeber sehen; denn wir erfahren alles über die Donau, auch das, was an „Don Au“ (Schmerzensdonau)- geschah, als KZ-Häftlinge in Mauthausen ermordet, die Wachau 1683 mit Hilfe des Polenkönigs Sobieski von den Türken befreit wurde, Juden 1944 in die Donau geschossen, Menschen vom Geheimdienst gequält wurden.<br />
Während P.E. seine Donaureise aufs Papier bringt, „geschieht“ die „Wende“, der blutige Aufstand in Rumänien (Weihnachten 1989): „…ich muss immer wieder gegen meinen Hass ankämpfen…. Ich konnte doch nicht denken, dass alles, was geschieht, auch mir gilt“…<br />
Einige Städte haben sich in sein Gedächtnis gegraben: z. B. Das „Herz“ der Donau, das „nette“ Ulm, in dem schon historisch berühmte Persönlichkeiten abgestiegen oder gar dort gewohnt haben: Der kleine Mozart auf einer Reise, Einstein ist dort geboren, der Astronom Kepler flüchtete sich in Geldnöten nach Ulm, die Geschwister Scholl verbrachten dort Kindheit und Jugend, General Rommel wurde dort scheinheilig aufgebahrt.<br />
Und Wien: „In Wien denkt die Donau zum ersten Mal an das Schwarze Meer …- kein Vorwärts, kein Rückwärts…“<br />
„Reisender“ kommt auch nach Budapest, seiner Heimatstadt, zu der er ein ambivalentes Gefühl hat: „… immer beschleicht mich ein Zweifeln und Bezweifeln, das ich zwar sorgsam vom Verzweifeln unterscheide, doch ändert das nichts an meiner fast schon rituellen Hilflosigkeit“. Der Erzähler überschreibt das ganze große Budapest-Kapitel mit Überschriften aus Italo Calvinos „Die unsichtbaren Städte“, setzt dafür den Namen Budapest ein, kommentiert, führt den Text weiter, begeht die Stadt wie ein Ausländer, wie ein Tourist. Dabei denkt er als Einheimischer natürlich auch der 70er Jahre, als den Touristen Restaurantgutscheine ausgehändigt wurden, als während des Kádár-Regimes in der Andrássy-Straße die Behörde für Staatsschutz residierte, Häftlinge gefoltert und zu Aussagen gezwungen wurden. Hier erfährt er endlich vom Doppelleben Robertos als Spitzel des Geheimdienstes.<br />
In Belgrad gedenkt er seines viel zu früh verstorbenen Freundes Danilo Kiš, „dem einzigen wirklichen Jugoslawen, den er kennt, der Existenzbeweis, dass die verschiedenen Völker einander nicht nur zu morden, sondern auch zu bereichern verstehen. Dieser Reichtum war Danilo Kiš“.<br />
Ab hier reist Esterházy wohl meist virtuell anhand von Geschichten, die er in sich aufsaugt, von Literatur, die er um-erzählt, rastlos jeden Abschnitt beleuchtend, sich hineinschreibt in diese Geschichten, auch in die Historie, in die Landschaft, die Geografie: „Mittlerweile kam ich mit diesem Buch gut voran, …nun konnte die Arme Donau folgen … und ich hatte mir das Sammeln weiterer Erfahrungen ohnehin bereits aus dem Kopf geschlagen …ich hatte auch die Bibliotheken erledigt, die Donau-Bücher gelesen…“<br />
E. erzählt von Freunden in Rumänien, die Anfang der 50er Jahre nach Feteşti verbannt worden waren. Mit ihnen will er sich treffen und erschrickt über die bisher unvorstellbar geglaubte Armut: Das Fehlen von ALLEM. Diese Erfahrung deckt sich mit seiner eigenen Wahrnehmung, dass in seinem eigenen Land Ungarn viel gejammert wird, das Schicksal ihm besonders schlimm mitgespielt habe, die Anderen immer schuld sind, und Ungarn in seiner Entwicklung behinderten. Dabei ist das, nach Meinung des Autors, ein „europäisches Durchschnittsschicksal. „Länder verschwanden, wurden verschoben“.<br />
Selbst für ihn als „sozialistischem Menschentyp“ hat das postkommunistische Rumänien noch Überraschungen parat: Hier ist der Portier der Herr „über Leben und Tod“, von seiner MACHT und seinem Wohlwollen hängt es ab, ob die Reisenden doch noch ein Zimmer bekommen, zu völlig überhöhten Preisen, versteht sich. Hier geht die Zeit einfach anders, die Menschen ticken anders.<br />
Die weitere Reise bis zum Delta legt „Reisender“ dann als Schriftsteller zurück, als Dichter, der uns die tollsten und anrührendsten Geschichten erzählt von einer Donau, die das Herz Europas ist.<br />
© Gudrun Brzoska</p>
<p>Über Péter Esterházy<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/esterhazy_peter.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Éva Fahidi &#8222;Die Seele der Dinge&#8220;</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 15:11:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erinnerungsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Fahidi, Éva]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Autobiografie Aus dem Ungarischen von Doris Fischer Verlag Lukas, 2011 ISBN: 978-3-86732-098-6 Originaltitel: Anima Rerum. A dolgok lelke, 2005 Bezug: Buchhandel Preis: 16,90 Euro „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“. Unter diesem Motto luden der Bürgermeister und die Gemeinde Stadtallendorf (Hessen) im Jahr 1990 tausend ehemalige ungarische Zwangsarbeiterinnen ein. Sie hatten im Lager Münchmühle, das [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=687&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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Aus dem Ungarischen von Doris Fischer<br />
Verlag Lukas, 2011<br />
ISBN: 978-3-86732-098-6<br />
Originaltitel: Anima Rerum. A dolgok lelke, 2005<br />
Bezug: Buchhandel Preis: 16,90 Euro </em></p>
<p>„Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“. Unter diesem Motto luden der Bürgermeister und die Gemeinde Stadtallendorf (Hessen) im Jahr 1990 tausend ehemalige ungarische Zwangsarbeiterinnen ein. Sie hatten im Lager Münchmühle, das zum Konzentrationslager Buchenwald gehörte, in einer Munitionsfabrik Sklavenarbeit verrichten müssen. Damals hatte Éva Fahidi es noch nicht fertig gebracht, ihre Erinnerungen aufzuschreiben; sie waren noch zu „nah“. Auschwitz-Birkenau und Allendorf stecken ihr noch heute in den Knochen. Vergessen kann sie weder Vernichtungslager noch Zwangsarbeit.<br />
Am 1. Juli 2003 reiste die damals 78jährige nach langem innerem Widerstreben, „freiwillig“ nach Auschwitz-Birkenau. Doch ihre Angst, alles wieder durchleben zu müssen, war umsonst gewesen. Der Ort ist inzwischen Touristenattraktion, und Éva Fahidi fragt sich, wie man heutzutage einem Menschen das Unfassbare überhaupt begreiflich machen kann. Sie fragt sich, wieso bis heute keine ungarische Regierung es über sich bringen konnte, eine Gedenktafel anbringen zu lassen, für die 340 000 jüdischen Ungarinnen und Ungarn, die hier in nur acht Wochen verbrannt worden waren. Jahrzehntelang hatte sie versucht die Bilder vom Konzentrationslager zu verbannen, doch das war und ist unmöglich. – Wenn auch ihre Generation, die über 70 – 80jährigen tot sein werden, wer wird sich noch erinnern wie sie auf der Rampe standen, nach links oder rechts gewunken wurden, wie sie auf engstem Raum zusammengepfercht wurden; wer wird sich der Appelle erinnern, die sie zwangen, stundenlang mit empor gestreckten Armen auf den Knien auszuharren; wer wird sich erinnern an die Peitschenhiebe, den Hunger, den Durst, den Rauch, der Tag und Nacht aus den Krematorien stieg, wer an die Unsicherheit, wann man selbst dran sein würde? Wer wird sich erinnern an die Blockältesten, von deren Launen die Zwangsarbeiterinnen auf Gedeih und Verderb abhingen?<br />
Éva Fahidi gibt endlich dem Drängen des Magistrats von Stadtallendorf und ihrem ungarischen Verleger nach. 2004 erscheint das Büchlein „Meine Münchmühle“; 2005 die viel ausführlichere ungarische Version; 2011 übernimmt der Lukas Verlag diese wieder ins Deutsche übersetzte Ausgabe.<br />
Hier erzählt sie von ihren beiden Leben; dem vor Auschwitz – und dem danach. Die Erfahrungen und Erniedrigungen von Auschwitz und Buchwald überschatten ihr ganzes weiteres Leben: „Wer einmal ein Häftling war, wird nie wieder der Mensch, der er zuvor gewesen ist. Etwas in ihm ist für alle Zeit zerbrochen“.</p>
<p>Fahidi lässt ihre schöne und behütete Kinder- und Jungmädchenzeit vor uns auferstehen, ein lebendiger, farbiger Einblick in ein groß -und gutbürgerliches Leben des 19. und 20. Jahrhunderts – vor 1944. Liebevoll beschreibt sie ihre Familie in Debrecen, humorvoll schildert sie ihre Großeltern und Eltern, ihre Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Und lakonisch-schmerzvoll konstatiert sie immer wieder, dass dieser und jener Verwandte Auschwitz 1944 nicht überlebt habe – oder schon vorher ermordet worden war. Nur wenige aus der großen Familie haben überlebt, einige wenige kann sie später wieder treffen.<br />
1936 war ihr Vater zum katholischen Glauben übergetreten, sie selbst wurde in einer Klosterschule erzogen. Diese Jahre gehörten zu ihren schönsten; es gab keine Judenhetze, die Kinder wurden alle gleich behandelt. Das begabte Kind hätte eigentlich alles werden können: Pianistin, Künstlerin, Sportlerin, Diplomatin mit vielen Sprachkenntnissen.<br />
Die Erinnerung, wie diese goldenen Jahre so urplötzlich, mit einem Schlag ausgelöscht wurden, schiebt sich dazwischen. Ja, Auschwitz und das Lager Allendorf sind allgegenwärtig.<br />
Immer wieder werden kleine Bemerkungen über die Geschichte und damalige Lage Ungarns eingestreut, damit der Leser Vorgänge und Befindlichkeiten in Ungarn besser verstehen kann, z.B. den „Ausgleich“ 1867, das „Abkommen von Trianon“, die Teilnahme am 2. Weltkrieg.<br />
Rückblickend wundert sie sich, wie blind und taub die ungarischen Juden Miklós Horthys Schutz vertraut hatten, obwohl in den umliegenden Ländern, Polen, Tschechoslowakei, Rumänien ihre Welt bereits in Trümmer ging und die Juden deportiert und vergast wurden.<br />
Erst im letzten Drittel des Buches berichtet Éva Fahidi zusammenhängend, diesmal mit Rückblicken in ihre glückliche Zeit, von Deportation und Zwangsarbeit: Wie sie abtransportiert wurden, im Viehwagen fast erdrückt und verdurstet wären &#8211; manche starben während des Transports &#8211; wie sie, von ihr selbst gar nicht wahrgenommen, an der Rampe getrennt wurden, Mutter, Schwester und Kusine mit dem Säugling wurden sofort ins Gas geschickt, Éva vom KZ-Arzt Mengele als Arbeitskraft abgesondert.<br />
Sie fragt sich auch, warum die ungarischen Gendarmen während der Zeit der Deportationen ohne Notwendigkeit so überaus grausam waren. Fast der gesamte administrative Apparat, hatte innerhalb von acht Wochen die Deportationen von ungefähr 340 Tausend Ungarn nach Auschwitz-Birkenau organisiert und durchgeführt.<br />
Dankbar erinnert sie sich der Solidarität und Menschlichkeit in „ihre “Fünfer-Reihe“: Alle aßen aus dem selben Geschirr, verbrachten den ganzen Tag zusammen in der sengenden Sonne, waren in jeder Sekunde aufeinander angewiesen. „Ich und Wir waren dasselbe. Ohne diesen Zusammenhalt wäre keine von uns je wieder zurückgekehrt“.<br />
Zu ihren Überlebensstrategien gehörte, dass sie sich gegenseitig erzählten, was sie studierten wollten, dass sie sich Mut machten. Sie improvisierten Theatervorstellungen um sich am Leben zu halten; denn für die Volkserheiterung gab es Marmelade und Margarine.<br />
„Je größer der Druck, desto stärker der innere Widerstand. Wir blieben trotz allem Menschen, trugen das Haupt aufrecht, hielten das Essbesteck wie zu Hause, wuschen uns täglich und putzten uns die Zähne. Wir sprachen korrekt und zivilisiert miteinander Und wir vertrauten und achteten einander und glaubten an unsere Zukunft. Deshalb haben wir das Lager überlebt, deshalb sind wir zurückgekommen“.<br />
Am 31. März 1945 werden sie von Amerikanern befreit. &#8211; Am 4. November1945 trifft sie wieder in Debrecen ein – allein. In ihrem Haus wohnen Fremde; man schickt sie ungerührt weg. Später wird sie von den Kommunisten als „deklassiertes Element“ auf die Straße gesetzt.<br />
Nach der Wende erhält sie ihr Vermögen, das sich der Staat angeeignet hatte, nicht zurück: Sie kann keinen amtlichen Totenschein ihres Großvaters vorweisen, der ins Ghetto Mezőcsát deportiert worden war und nicht mehr zurückkam.</p>
<p>Obwohl es in Ungarn, anders als in Deutschland keine Geschichtslehrbücher gibt, in denen die Tatsachen der jüngsten Vergangenheit entsprechend gewürdigt werden, ist Éva Fahidi für ihre Enkel optimistisch, hofft und vertraut darauf, dass es keine Rassendiskriminierung mehr geben wird.<br />
In Buchenwald trifft sie sich alle zwei Jahre mit den noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen.<br />
© Gudrun Brzoska</p>
<p>Über Éva Fahidi<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/fahidi_eva.html">&gt;&gt;</a></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/ungarischeliteratur.wordpress.com/687/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=687&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Rezension: Zsuzsanna Gahse &#8222;Donauwürfel&#8220;</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 09:42:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gahse, Zsuzsanna]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Lyrik Verlag Edition Korrespondenzen, 2010 ISBN: 978-3-902113-69-6 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 18,50 Donauwürfel – Erzählgedichte. – In 27 Würfeln (10 Zeilen zu 10 Silben bilden ein Quadrat, 10 Quadrate sind ein „Donauwürfel), bedenkt, besingt, beleuchtet Zsuzsanna Gahse die Donau, „Europas Rückgrat. Denkt man bei Wasserwürfeln nicht zuerst an Eiswürfel? Gahses Würfel sind aber nichts Starres; [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=667&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/donauwucc88rfel.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-672" title="donauwürfel" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/donauwucc88rfel.jpg?w=500" alt=""   /></a><em>Lyrik<br />
Verlag Edition Korrespondenzen, 2010<br />
ISBN: 978-3-902113-69-6<br />
Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 18,50</em></p>
<p>Donauwürfel – Erzählgedichte. – In 27 Würfeln (10 Zeilen zu 10 Silben bilden ein Quadrat, 10 Quadrate sind ein „Donauwürfel), bedenkt, besingt, beleuchtet Zsuzsanna Gahse die Donau, „Europas Rückgrat.<br />
Denkt man bei Wasserwürfeln nicht zuerst an Eiswürfel? Gahses Würfel sind aber nichts Starres; Kaltes, Eckiges; sie fließen mal ruhig, überschlagen sich dann mit den Wellen des Flusses, steigen empor, treten über die Ufer, schwellen wieder ab. Ihre Donauwürfel sind munter rollende, vorwärts schießende, geschmeidige Würfel, die uns von den Quellen der Donau, die am Zusammenfluss von Brigach und Breg „vor unseren Augen entsteht“ und noch so gar nichts Donaumäßiges an sich hat –bis zur Deltamündung tragen, wo die Wassermassen sich ins Schwarze Meer hineinfluten.<br />
Auf Karten sieht die Donau mit ihren Zuflüssen aus wie ein Fischskelett, Europas Rückgrat führt erst ostwärts, dann geradewegs südlich und gelangt dann zum Meer.<br />
„Wenn ich die Donau sehe, sehe ich die<br />
Donau, aber ich habe für sie nicht<br />
mehr Wörter, als ich ansonsten kenne.“<br />
Alle diese Wörter, die sie kennt und noch einige, neu erfundene, setzt die Dichterin ein, um die Donau und das Leben in, auf und an ihren Ufern zu erkunden:<br />
Gedanken und Beobachtungen folgen dem Fluss bis zur Mündung, kehren wieder um, ziehen Schleifen wie der Fluss, verweilen, eilen weiter, sehen die zusammenströmenden Flüsse, z.B. in Passau die braune Ilz, den silbrig-grünen Inn und die blaue Donau. Solch einen gewaltigen Fluss kann niemand auf einmal erfassen, man muss ihn abschnittweise immer wieder von neuem erkunden. –<br />
Wie strömendes Wasser kommen der Autorin Assoziationen, Gedankensprünge wie Welle um Welle, die sie abschweifen lassen und doch immer wieder zum Fluss zurückbringen. – Wasser und Sprache fließen ständig, schwellen auf und ab, melodiös, unablässig. Sie erforscht die Zuflüsse und ihre Quellen, richtet den Blick vom Ufer aus auf die Donau – und von den Donauschiffen auf den Anblick der Städte mit ihren endlosen Fensterquadraten, den fest gefügten Kais, auf die freie Landschaft mit natürlichen Ufern.<br />
Gahse besingt die Donau, mal versonnen-spielerisch von Städten und Ortschaften an den Ufern, mal nachdenklich-ernst vom Strömen des Flusses durch Niemandsland, als Grenzfluss, an dessen Ufern vor einigen Jahren noch heftig gekämpft und Brücken gesprengt wurden, mit der Folge, dass sich heute ein wirtschaftlicher Flussverkehr nicht mehr lohnt.<br />
Ihre Gedanken können sich nicht lösen vom Schicksal einzelner Menschen, die sie gekannt, von denen sie gehört hat &#8211; von Volksgruppen die ins Wasser der Donau geschossen wurden &#8211; von Selbstmördern, Hochwasseropfern und Schiffersfrauen, die Angst vor dem mächtigen unberechenbaren Wasser haben. Erinnerungen werden in ihr wach an ihre Kindheit, als sie noch in Budapest lebte und der Fluss zu ihrem täglichen Leben gehörte. Sie hat sich schon früh westwärts wenden müssen. Heute machen das viele, deren Sehnsucht nach dem Westen geht. Das Denken an der Donau verändert sich und damit die Sprache, Wörter verschwinden und werden durch englische ersetzt. „Die Menschen ziehen gegen die Flussrichtung und pfeifen auf ihre Ostdonau“.<br />
Die Dichterin macht uns bekannt mit den verschiedenen Wasserschichten, mit Fischen und anderen Tieren, mit Pflanzen, die im Strom leben. Atemlos sind ihre Aufzählungen von wunderbaren und geheimnisvollen Fischnamen. – zahlreich die vielen Flussnamen, die so ähnlich klingen wie Donau – und alle nichts anderes bedeuten als Fluss, als „Großes Wasser“.<br />
„Gute Donau, feines Krokodil aus Wasser, Tausendfüßler, ein Urviech, das sich viel gefallen lässt, gutes altes Rückgrat!<br />
Sie muss auch einiges erdulden, die Donau: Nicht nur den Unrat, der mit ihr schwimmt, den herausgerissenen Bäumen, wenn Hochwasser über die Ufer tritt, sie wird unterführt von der Metro in Budapest, so dass sich ein West- und Ost, für das man noch beim Überqueren der Brücken ein Gefühl hat, erübrigt. Sie muss auch lernen, die Donau: Lernen seit ihrem Anbeginn sich ein Bett zu graben, freie Uferflächen immer wieder zu verändern, sich gefangen zu geben zwischen betonierten Ufereinfassungen.<br />
Es gibt „eine Winterdonau, zusammengepresst, die Eisplatten schieben sich – Dunkelheit an den Ufern“ – doch im Frühling steigt das Wasser, ufert aus bis zur Überflutung. Dann ist es reißend und gefährlich, begräbt alles unter sich.<br />
Auch der Albtraum ist nicht fern: Eine versickernde Donau: Forscher suchen nach der Lebensader Europas, finden jedoch nur ein schlammig-braunes Flussbett, &#8211; bis auf einmal die Donau mit Wucht zurückkommt, so dass sich die Suchenden kaum noch vor ihr retten können.<br />
Jetzt aber schickt die Dichterin sich an, die Donau bis ins Delta zu bereisen mit dem Schiff. Das Eiserne Tor kennt sie noch nicht und vieles andere auch nur aus Geschichten und von Bildern. Auf jeden Fall hat sie vor, die Donau weiter zu untersuchen, sie näher kennen zu lernen, auch die Quellbäche, alles Wasser alle Quellen, die zur Donau hin laufen. Die Reise beginnt.<br />
Diese „Donauwürfel“ machen richtig Lust, selbst auf die Reise zu gehen, tatsächlich oder virtuell um „das Rückgrat Europas“ näher zu erkunden.</p>
<p align="JUSTIFY"><span style="font-family:Arial,sans-serif;">©</span> Gudrun Brzoska</p>
<p align="JUSTIFY">Über Zsuzsanna Gahse<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/gahse_zsuzsanna.html">&gt;&gt;</a></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/ungarischeliteratur.wordpress.com/667/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=667&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Rezension: Kriszta Bódis &#8222;Artista&#8220;</title>
		<link>http://ungarischeliteratur.wordpress.com/2012/01/06/rezension-kriszta-bodis-artista/</link>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 20:22:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bódis, Kriszta]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Aus dem Ungarischen von Christina Kunze Verlag Voland &#38; Quist, 2009; ISBN: 978-3-938424-40-7 Originaltitel: Artista, 2006 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80 Sehr direkt lässt Kriszta Bódis ihre Figuren zu Wort kommen: Jeder spricht für sich, „entlarvt“ sich selbst. Dazwischen teilt eine Erzählstimme mit, was wichtig und den direkt Betroffenen vielleicht entgangen ist. Es geht [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=532&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Roman <a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2011/12/artista.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-533" title="artista" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2011/12/artista.jpg?w=150&#038;h=150" alt="" width="150" height="150" /></a><br />
Aus dem Ungarischen von Christina Kunze<br />
Verlag Voland &amp; Quist, 2009; ISBN: 978-3-938424-40-7<br />
Originaltitel: Artista, 2006<br />
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80 </em></p>
<p>Sehr direkt lässt Kriszta Bódis ihre Figuren zu Wort kommen: Jeder spricht für sich, „entlarvt“ sich selbst. Dazwischen teilt eine Erzählstimme mit, was wichtig und den direkt Betroffenen vielleicht entgangen ist. Es geht um den Leidensweg eines Heimkindes, das mit knapp 14 Jahren durch einen Unfall stirbt. Ein Jahr danach spricht die junge Psychologien noch einmal mit allen: Es kommen Freunde, Eltern, Bekannte, die Heimleitung, die Betreuer, die Erzieher zu Wort. Jeder wiegelt ab, die Geschichte ist ja schon ein Jahr lang her. Niemand fühlt sich schuldig – und wenn überhaupt, war es die wilde Ausreißerin selbst! Alle geben sich zuerst verständnisvoll, doch keiner hatte in entscheidenden Momenten Hilfestellung gegeben, versucht, das Mädchen wirklich zu verstehen. Alle sprechen nur von sich selbst und ihren Problemen. Wie ausgegrenzt das Kind war, zeigt, dass sie von allen nur mit ihrem Nachnamen „Pickler“ angesprochen wird. Ihren Vornamen erfährt der Leser kein einziges Mal. Mit diesem Roman führt uns Bódis beklemmend direkt und nah in die Lebenswelt sozial benachteiligter Menschen ein.<br />
Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit dem Namen des Sprechenden überschrieben. Im Ton passt sie sich genau ihren Erzählfiguren an. In diesem Zusammenhang muss die Übersetzung von Christina Kunze gewürdigt werden: Sie versteht es, die ungarische Umgangssprache kongenial ins Deutsche zu übersetzen.<br />
Nach und nach erfährt man Artistas Geschichte, ein einziger Überlebenskampf. Die Mutter, ein verträumtes junges Mädchen, sensibel und etwas hysterisch, bekommt ein Kind, als sie noch gar nicht reif dafür ist. Als sie im Krankenhaus lieblos behandelt wird, verlässt sie die Klinik verwirrt und von Schmerzen geplagt, ohne Kind.<br />
Schon vor der Geburt hatte sie sich mit einem anderen Mann, Kálman, eingelassen, kehrt aber für kurze Zeit zum Vater des Kindes zurück, der die Frau, die er als Nutte beschimpft, kurz darauf vor die Tür setzt.<br />
Das Kleinkind wird schon mit zwei Jahren zum ersten Mal ins Heim abgeschoben – der sogenannte Stiefvater ist eifersüchtig, zwingt die Mutter das Kind zu vernachlässigen. Als sie 7 Jahre alt ist, schließt er Mutter und Tochter aus, sie übernachten für eine Nacht unter der Brücke. Danach bringt die Mutter sie ins Heim, was sich als wahre Katastrophe und Tragödie herausstellt. Das Kind ist wild und ungebärdig, nimmt von da an jede Gelegenheit zur Flucht wahr. Der leibliche Vater sinkt allmählich in Alkoholismus und wird obdachlos, holt die Mutter einmal die Tochter, sperrt der Stiefvater sie ein, behauptet, sie sei nicht zu bändigen. Wie sich aus späteren Erzählungen herauslesen lässt, missbraucht er das Mädchen auch. Immer ist das Mädchen, von allen nur Pickler genannt, auf der Flucht. Eigentlich möchte sie von ihrer Mutter Liebe und Geborgenheit bekommen, aber wenn sie bei ihr ist und ihre alkoholabhängige, unselbständige, hysterische und kindliche Mutter und deren Lebensgefährten erlebt, haut Pickler entweder wieder ab – oder benimmt sich so ungebärdig, dass Mutter und Stiefvater behaupten, nicht mit ihr fertig zu werden und sie wieder ins Heim zurückschicken. Als das Mädchen älter wird, kehrt sich das Ganze sogar um, Artista sieht ihren ganzen Lebenssinn darin, die Mutter zu beschützen. Der leibliche Vater hat inzwischen seinen ganzen Besitz in Alkohol umgesetzt; auch er endet auch unter der Brücke, gibt sich aber immer noch gern als bildungsbeflissener Mann.<br />
Bald stellt sich heraus, dass das Kind ungeheuer gelenkig ist, kein Fenster zu hoch, keine Wand zu glatt ist, um hinaus zu kommen. Es liebt die artistische Bewegung und versteht es, sich in seiner Fantasie aus dem Körper herauszuschwingen.<br />
In verschiedenen Heimen lernt Pickler Leidensgenossen kennen, raucht, trinkt, nimmt Drogen, „wohlmeinende“ Erzieher, die sich „verständnisvoll“ zeigen, missbrauchen sie.<br />
Judith, die junge Psychologin, ist die einzige, die im Buch nicht selbst zu Wort kommt, doch schon recht bald glaubt der Leser sie zu kennen, aus Fragen und Antworten der Befragten. Die Figuren sind alle keine sympathischen „Helden“, nicht einmal Judit, die als Psychologin nicht gelernt hat, sich außerhalb zu stellen, um wirklich helfen zu können.<br />
Der Stiefvater gibt sich als einfühlsamer Ehemann, doch im weiteren Monolog zeigt sich der Macho, auf dessen Betreiben hin das kleine Mädchen ins Heim abgeschoben wurde. Sie störte bloß. Die Freunde finden die Kameradin zwar „voll in Ordnung“, aber auch verrückt und total daneben. Die Heimleitung tut so, als seien ihr die Hände gebunden, sie müsse sich schließlich an Gesetze halten, der eitle Erzieher nutzt das Verhältnis auch sexuell aus, indem er erst ein Vertrauensverhältnis schafft, indem er den Eindruck vermittelt, dass man sich ernsthaft mit ihm unterhalten kann – doch dann schwadroniert er nur über sich selbst als verkannter Künstler, blendet mit seinen materiellen Erfolgen, um dann die Abhängigkeit der Mädchen auszunutzen. Auch die Polizei zwingt das Mädchen und ihre ältere Freundin, eine angedrohte hohe Geldstrafe abzuverdienen und überlässt die beiden einem Wachtmeister, wahrscheinlich um als Voyeur dabei zu sein.<br />
Wenn das Mädchen Pickler selbst zu Wort kommt, erfährt der Leser, wie viele Gedanken sie sich um alle, besonders um ihre Freunde macht. Die Erwachsenen kann sie nur zum Teil durchschauen, immer wieder fällt sie auf oberflächliche Freundlichkeit und zur Schau getragenes Verständnis herein. Aber was in ihren Freunden vorgeht, in welchen Abhängigkeiten sie zu anderen Menschen stehen, und vor allem Alkohol und Drogen gegenüber, das sieht sie sehr klar. Sie weiß auch, dass sie sich selbst immer tiefer in die Ausweglosigkeit manövriert, doch ihr Freiheitsdrang ist überwältigend. Nirgends hält sie es lange aus, immer wieder muss sie abhauen. Es ist die Zeit einer Heranwachsenden, in der sie den Drang verspürt, sich unbedingt selbst zu verwirklichen, sich gegen andere, besonders gegen die Erwachsenen ab- und durchzusetzen, selbst wenn es zum eigenen Nachteil geschieht. Weit und breit gibt es niemanden, der das mit ihr bespricht, der ihr und den anderen Heimkindern ehrliches Verständnis entgegenbrächte.<br />
Keiner der Erwachsenen weiß, was er angerichtet hat und will es auch nicht wissen. Man merkt es schon an ihren Ausreden. In ihren Augen ist eigentlich ganz allein das Mädchen Pickler schuld – sie hat sich selbst alles zuzuschreiben; denn wäre sie nie ausgerissen, hätte nie angefangen Drogen zu nehmen, zu rauchen, zu trinken, sich mit Jungen und Männern einzulassen, wäre auch nichts passiert.<br />
Auch Jáno, 17, ein Freund aus dem Heim glaubt, er könne, wenn er nur wolle, vom Stoff loskommen, er will nicht, dass seine kleine Tochter, die er mit der 5 Jahre älteren Kati hat, in dieses Milieu kommt, doch das lässt sich fast schon voraussagen; denn auch Kati ist schwer drogenabhängig. Schwer verständlich ist, dass sich die junge Psychologin zu diesem einerseits überheblichen Macho, andererseits den Muttertyp suchenden Jungen, sexuell hingezogen fühlt.<br />
Die Jugendlichen im Heim sind nicht wirklich solidarisch, das sieht nur so aus. Wenn sie die Möglichkeit haben, an Geld zu kommen, um Drogen kaufen zu können, gilt der Freund nichts mehr. Nicht nur in der Welt der Erwachsenen wird viel geschlagen. Auch die Jungen glauben sich mit Brutalität Recht verschaffen zu können, die Oberhand zu gewinnen. Es ist klar, allen diesen Kindern und Heranwachsenden fehlt ein geborgenes Elternhaus. Andererseits sind auch die Eltern allesamt Unglückliche, entweder, weil sie selbst durch Schicksalsschläge oder Veranlagung abgerutscht und, wie die Eltern von Pickler, ganz unten sind, oder weil ihre Kinder in schlechte Gesellschaft kamen, aus der sie nicht mehr herausfinden. Erschwert wird die Situation durch überhebliche unsensible Erzieher und ein System, das das Herauskommen aus diesem Milieu fast unmöglich macht.<br />
Allein bei den Zigeunern, die selbst an den Rand der Gesellschaft geschoben werden, weil niemand ihre Riten und Kultur verstehen will, fühlt sich das Mädchen zeitweilig aufgenommen. Hier wird sie bewundernd „Artista“ genannt. Dieses kurze Glück endet leider mit dem Tod der Großmutter, die sie gern als Schwiegertochter gesehen hätte. Artista zieht sich zurück, als sie merkt, dass ein anderes Zigeunermädchen sich in den Sohn Nikolo verliebt hat.<br />
Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als entschieden wird, dass Pickler in ein Erziehungsheim abgeschoben werden soll, wo die Freiheiten noch mehr beschnitten sind. Noch ein Mal will sie sich mit einer Freundin an einem Strommasten treffen. Der schmierige Erzieher, Mister D., fängt sie jedoch vorher ab, gibt zu, mit einem Zuhälter gemeinsame Sache zu machen und möchte sie an sich ziehen. Die Freundin kommt jedoch dazu – Artista steigt auf den Strommasten und fällt vom Schlag getroffen herunter. Es ist nicht klar, ob sie den Tod gesucht hat, nachdem Mister D. hat durchblicken lassen, dass sie abgeschoben wird, ob er letztes Vertrauen verspielt hat, ob das Mädchen fürchtet von Mister D. schwanger zu sein, oder ob es tatsächlich ein Unfall war, weil Artista sich immer wieder vorstellen konnte, aus ihrem Körper heraus zu fliegen. .Das Buch beginnt nämlich mit dem Zitat: „Was tust du?“ – „Ich versuche zu fliegen.“ – „Glaubst du, Menschen können fliegen?“ – „Menschen nicht. Aber ich.“ Das wirklich Beklemmende ist, dass sich solch eine Tragödie nicht nur im fernen Ungarn oder sonst wo abspielen könnte, sondern auch bei uns, wo alles so „aufgeräumt“ erscheint.</p>
<p>Über Kriszta Bódis<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/bodis_kriszta.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Péter Farkas &#8222;Acht Minuten&#8220;</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 20:08:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Farkas, Péter]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Aus dem Ungarischen von György Buda Verlag Luchterhand Literaturverlag, 2011 ISBN: 978-3-630-87304-6 Originaltitel: Nyolc perc, 2007 Bezug: Preis: 16,99 Euro Für seinen Roman erhielt Péter Farkas, wie ich meine, zu Recht den Sándor Márai-Preis. Manchmal drastisch, aber immer liebevoll erzählt er von den Tagen eines alten Paares. Der „Alte Mann“, wird auch schon vergesslich und [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=485&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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Verlag Luchterhand Literaturverlag, 2011<br />
ISBN: 978-3-630-87304-6<br />
Originaltitel: Nyolc perc, 2007<br />
Bezug: Preis: 16,99 Euro </em></p>
<p>Für seinen Roman erhielt Péter Farkas, wie ich meine, zu Recht den Sándor Márai-Preis.<br />
Manchmal drastisch, aber immer liebevoll erzählt er von den Tagen eines alten Paares. Der „Alte Mann“, wird auch schon vergesslich und hat mit beginnender Alzheimer zu kämpfen. – Er kennt seine Umgebung kaum noch, nicht einmal seine eigene Tochter: „Am Morgen war diese Frau wieder erschienen. Ohne jegliche Voranmeldung. Der alte Mann ging in die Küche, und sie war einfach da.[…]“. Seiner Frau dagegen, der alten Frau „war die Erinnerung einfach weggeblieben“.</p>
<p>Der alte Mann kennt ihren Zustand, umsorgt sie liebevoll, geht auf ihre Bedürfnisse ein. Er spürt wohl, dass auch seine geistigen und körperlichen Kräfte nachlassen – an manchen Tagen rapide, doch es beunruhigt ihn nicht; er nimmt das Altern seines Geistes und seines Körpers als etwas Gegebenes hin, kann und will es nicht ändern. Halt geben ihm die täglichen Riten, das Aufstehen, Anziehen, Essen bereiten. Ja, der Leser hat wirklich den Eindruck, dass sich die beiden Alten in ihren Möglichkeiten wohl fühlen und glücklich sind. Ihre Liebe zueinander ist stark und verlässlich.<br />
Der Autor beschreibt die Beiden, deren Haut immer trockener und grauer wird, wie sie sich in ihrer eigenen Wärme, im warmen Sonnenlicht, in der frischen Luft, die sie täglich auf dem Balkon schnappen, wohl fühlen. Der alte Mann geht nach wie vor einem „geregelten Tageslauf“ nach, „erledigt morgens seinen Papierkram“, sofern ihn die alte Frau nicht dabei stört. Er schiebt seine Schreibwerkzeuge hin und her, kritzelt über Papier – jahrzehntelang eingeübte Tätigkeiten als früher geachteter Wissenschaftler. Auch die alte Frau geht mechanisch ihren früheren Tätigkeiten nach, hantiert in der Küche mit Töpfen, sie ist meistens in der Lage sich selbst zu waschen, selbstständig zu essen.<br />
In Mußestunden und im Schlaf macht sich der alte Mann innerlich ganz frei von allem, was ihn belasten könnte. Er vermisst seine Erinnerung nicht. Die Bedürfnisse seiner Frau allerdings vergisst er nicht, hat sich ganz auf sie eingestellt. Die alte Frau dagegen lebt ganz und gar dem Jetzt, sie hat keinerlei Erinnerung an gestern, heute oder morgen: Jetzt hat sie Hunger, jetzt hat sie Durst, muss versorgt, ins Bad oder Bett gebracht werden. Nicht mehr ihr Bewusstsein steuert sie, sondern ganz und gar ihre Empfindungen. Doch da sie das nicht weiß, macht es sie auch nicht unglücklich, im Gegenteil.<br />
Der alte Mann nimmt ohne Unwillen zur Kenntnis, dass seine Umgebung, die immer mal wieder ungebeten in die Wohnung kommt, mit Rat und Tat nicht spart. Schweigend-nachsichtig entfernt er alles, was man zu seiner und zur Erleichterung der alten Frau angeschafft hat. Sogar ihre Betten haben „sie“ auseinander gestellt – mit dem Erfolg, dass nun Beide in einem Bett schlafen. Sie brauchen immer weniger – und was sie nicht mehr brauchen, wird einfach zu den Mülltonnen zum Entsorgen gestellt.<br />
Rührend, wie er seiner Frau, die nach wie vor gern isst – und dann ganz und gar aus einem Nahrung-aufnehmenden-Körper besteht, zu ihrem Geburtstag ihr Lieblingsessen, Pflaumenmus kocht. Sie kann wohl auch störrisch und übellaunig sein, ihm auch das Leben schwer machen, doch darauf geht Farkas nur in Nebensätzen ein. Wichtig ist, wie der alte Mann sie zu nehmen weiß, wie er, wenn sie mal wieder in einem inneren Wahn lebt, ihr die Angst nehmen kann. Wie er ihre Vorlieben und Neigungen kennt und sie auch liebevoll pflegt, z.B. muss er ihr jeden Abend vor dem Zubettgehen ihre Perlenkette umlegen.<br />
Wenn die ihn dankbar anschaut, weil sie sich wohl fühlt, spürt er, wie eine Welle des Glücks und der Liebe ihn überflutet – auch wenn gleich danach ihr Blick wieder ins Leere geht und er weiß, dass er sie nicht mehr erreichen kann. Lieder singen sie noch zu zweit. An die Liedtexte kann sich die alte Frau nach wie vor gut erinnern, er summt dazu.<br />
Man sollte aber nicht meinen, hier würde eine Idylle gezeichnet: Die beiden Alten haben durchaus mit ihren hauptsächlich körperlichen Gebrechen zu kämpfen. Die Funktionen sagen ihren Dienst auf, vieles wird mühsam. Aber es geht immer noch einmal weiter. Der alte Mann versucht seine körperlichen Gebrechen zu überlisten. Dabei merkt er sehr wohl, wie ihn die Umgebung wahrnimmt, „als Idioten“, doch das stört ihn nicht, im Gegenteil. Nun kann er so leben mit der alten Frau, wie er es sich vorstellt. Auch ihm kommt allmählich sein Ich abhanden. Er funktioniert noch, hauptsächlich um ihrer Beider Bedürfnisse zu stillen. Was ihn sehr beeinträchtigt, ist, dass er nicht mehr in Lage ist zusammenhängende Texte zu lesen, ja dass er manchmal nur noch durch einen weißen Schleier sieht.<br />
Doch im Traum geht er jede Nacht in einen Garten, in dem er sich wohl fühlt – und wenn er im Schlaf spürt, dass es der alten Frau nicht gut geht, so greift er nach ihrer Hand, um sie mit in seinen Garten zu nehmen: „[…] und wandten sich noch, […] im Vorbeigehn, gleichsam beim letzten Schritt einander zu und küssten sich wie wahre Liebende.“<br />
Jeder, der schon einmal mit alten Menschen zu tun hatte, deren Kräfte in der einen oder anderen Richtung nachließen, kann hier viele Parallelen wiedererkennen. Erschreckend einerseits, aber auch tröstlich, dass jenseits aller Gebrechen Liebe, Verständnis und Fürsorge für einander ein Leben in Würde beschließen kann.</p>
<p>Über Péter Farkas<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/farkas_peter.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Evelyn Schlag &#8222;Die große Freiheit des Ferenc Puskás&#8220;</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 20:04:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erinnerungsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur von Nicht-Ungarn]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Schlag, Evelyn]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Verlag Zsolnay, 2011 ISBN: 978-3-552-05516-2 Bezug: Buchhandel; Preis: 19,40 Euro Evelyn Schlags Roman verbindet das Leben zweier Männer zwischen dem Ungarischen Volksaufstand 1956 und 2008. Zur Erleichterung für den Leser haben die Kapitelüberschriften Monatsnamen und Jahreszahlen; denn Geschichte und Personen wechseln manchmal abrupt. Ein Prolog führt in die Problematik ein: Eine Familie auf der [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=526&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Roman<a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2011/12/die_groc39fe.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-527" title="Schlag_Grosse_FReiheitP02DEF.indd" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2011/12/die_groc39fe.jpg?w=91&#038;h=150" alt="" width="91" height="150" /></a><br />
Verlag Zsolnay, 2011<br />
ISBN: 978-3-552-05516-2<br />
Bezug: Buchhandel; Preis: 19,40 Euro</em></p>
<p>Evelyn Schlags Roman verbindet das Leben zweier Männer zwischen dem Ungarischen Volksaufstand 1956 und 2008. Zur Erleichterung für den Leser haben die Kapitelüberschriften Monatsnamen und Jahreszahlen; denn Geschichte und Personen wechseln manchmal abrupt.</p>
<p>Ein Prolog führt in die Problematik ein: Eine Familie auf der Flucht. Der Vater István, Pischti, voraus, dann der elfjährige László, Laci, der sich vor russischen Mördersoldaten ängstigt und dahinter die Mutter Etelka, Etti. Sie gelangen über die grüne Grenze nach Österreich; ihr Leben im Exil beginnt. -</p>
<p>Im Mai 2008 lernen sich zwei Männer an einer stillgelegten Tankstelle nahe Wien kennen. Rechtsanwalt Dr. Valentin Görtz hat gerade seine Geliebte, Katharina, zum Flughafen gebracht. László Földes, Ungar, geboren 1946, ist 1956 mit seinen Eltern über die grüne Grenze geflohen. Seine Fragen und Antworten wirken seltsam verwirrt, doch im Laufe der Geschichte wird dem Leser klar, dass er Deutsch nur zu gut kann. Er legt den tieferen Sinn der Wörter, der Sprache bloß.<br />
Schon gleich bei der ersten Begegnung blitzt eine zweite Ebene hinter der vordergründigen Geschichte auf: Als Görtz sich vorstellt, reagiert Földes sofort. Er scheint die Familie zu kennen, den Geburtstag der geschiedenen Frau, den Beruf des Vaters, Rechtsanwalt i. R.. Er deutet den Selbstmord seiner Mutter an &#8211; das Treffen scheint kein Zufall zu sein. Wider Willen ist Valentin Görtz wie elektrisiert und möchte herausbekommen, was sein Vater mit der Familie Földes, Földesch, mit dem Selbstmord „der kleinen Ungarin“ zu tun hat.<br />
Die Kapitel von 1956 – 1975 stellen uns mitten ins Leben der Exilantenfamilie Földes. Dazwischen verknüpft die Autorin verschiedene Fäden mit Mai 2008, der Begegnung und den weiteren Treffen der beiden Männer, der Lebenssituation von Görtz, seinem Verhältnis zur viel jüngeren Katharina, Regisseurin am Schauspielhaus Zürich. Auch sie kommt in Földesch’s Vergangenheit vor.<br />
Zusammengefasst schält sich ein Emigrantenschicksal von Flucht und nur teilweise geglückter Integration heraus:</p>
<p>István Földes gerät durch Zufall in einen Zug von Demonstranten beim 1956er Volksaufstand, der auch in Mosonmagyaróvár, nahe der österreichischen Grenze, ausbricht. Er läuft mit, obwohl er Angst hat, wird ohne sein Zutun in der Menge nach vorne gespült, schreit mit, schreit seine Wut heraus, als sie zum Rathaus und zu den Kasernen marschieren. Dort schießen ohne Vorwarnung ungarische Soldaten in den Zug. Seine mitmarschierenden Kameraden werden zum Teil tödlich getroffen, er selbst wird mit Verwundungen ins Krankenhaus gebracht. Als sich dann zeigt, dass sich der Freiheitstraum in Nichts auflöst, dass die Revolution nicht gewonnen werden kann, ist es für die Familie klar, dass sie fliehen muss. István würde verurteilt als Konterrevolutionär und Sohn Laci würde in Ungarn keine Chance mehr haben als Sohn eines Verurteilten. Mit einem Empfehlungsschreiben und der Bitte seines Schwiegervaters in der Tasche, der Familie in der Bundesanstalt für Milchwirtschaft (im fiktiven) Wickendorf, einem Ableger des Betriebs von Mosonmagyaróvár; Arbeit zu geben, können sie dort auch bald Fuß fassen. Nun könnte eine glückliche Integration in der Fremde beginnen. Doch eigentlich bringt die Flucht keinem der drei Auswanderer Glück: István kann die deutsche Sprache nur sehr schwer und ungenügend lernen. Aus dem fleißigen Handwerker wird hier ein fleißiger Hilfsarbeiter, ständig abhängig von der Gunst des Institutsdirektors Weitmann. Ohne Ungarisch ist Pischti „kein Mensch“. Etelka hat zwar ihre roten Pumps mitgenommen, die ihr Pflicht zu Hoffnung und Glück sein sollen, doch auch sie findet nicht in ein normales Leben. Dabei hätte sie die größten Chancen gehabt. Ihre Mutter ist Ungarndeutsche, daher spricht und schreibt sie die neue Sprache ohne Schwierigkeiten. Sie gleicht einer Traumtänzerin, zwischen den Anforderungen, die das neue Leben an sie stellt und ihren Wünschen. Sie gibt sich als die Starke, steuert die Familie. Sie schaut, dass ihr Pischti sich allmählich in eine dauerhafte Stelle hocharbeitet und Laci richtig Deutsch lernt. Sie allein hat eine feste Stellung in der Kanzlei des Betriebs. Und ausgerechnet sie verguckt sich in den weltmännisch wirkenden Direktor, einen „Weiberer“, einen Frauenhelden. Etelka wagt es sogar, sich ein gemeinsames Leben mit ihm vorzustellen. Früher „hatte Pischti alles richtig gemacht“, doch auf einmal geniert sie sich, wenn er in seiner Arbeitskleidung auftaucht, schlecht Deutsch spricht, abhängig ist von den Anweisungen des Direktors.<br />
Von ihr hat Laci das Traumtänzerische geerbt. Mit Karl May und der Sportzeitung lernt er Deutsch, träumt sich in Heldensituationen, in denen er es den Russkis so richtig zeigen kann. Besonders Fußball interessiert ihn; sein Held ist Torkönig Ferenc Puskás, der die Ehre Ungarns verteidigt hat. Dem Jungen glückt, trotz grammatikalischer Fehler, ein Aufsatz über seinen Helden. Dieser Aufsatz wird zum Kernstück des Romans. Drollig in der Diktion des ungarischen Emigrantenkindes erzählt er die Geschichte des großen Fußballhelden mit seinem goldenen Fußballbein, der alle Fußballspiele gewonnen hatte, außer dem legendären Spiel in Bern gegen Deutschland, 1954. Als zwei Jahre später die Revolution in Ungarn blutig niedergeschlagen wird, kehrt Puskás nicht in die Heimat zurück. Auf Druck des ungarischen Fußballverbands sperrt die FIFA alle geflohenen Nationalspieler. Als Laci seinen Aufsatz 1958 schreibt, war gerade die Sperre gegen Puskás wieder aufgehoben worden. Er hat nun die Freiheit, überall in der Welt als gesuchter Fußballspieler und Trainer herumzureisen, ganz anders als Familie Földesch, die der „Gnade“ des Direktors Weitmann ausgeliefert ist. Sie wollen nicht auffallen, sondern ankommen, gute Österreicher sein, sprechen nur hinter geschlossenen Türen und Fenstern Ungarisch, nennen sich Földesch. Auf dem Sohn ruhen Hoffnung und Ehrgeiz der Eltern. Er muss sich auszeichnen, studieren, soll einmal Institutsdirektor werden.<br />
Im weiteren Verlauf des Romans wird Lacis Spiel mit der Sprache immer offenkundiger, er nimmt den Inhalt nur zu wörtlich, was bei seinen Gesprächspartnern Unsicherheit erzeugt, aber auch die Lust mitzuhalten.<br />
Auch Valentin Görtz’ Geliebte, kommt ins Spiel: Das Kind Katharina suchte damals die Aufmerksamkeit des Ungarnbuben zu erringen. Er beflügelte ihre Fantasie; sie stellte ihn sich auf einem Pferd reitend vor: Wild und frei! Erst spät erfährt sie von den Gerüchten um Etelkas Selbstmord.<br />
Földes sucht die junge Frau in Zürich auf, ebenso trifft er sich mit einem ehemaligen Praktikanten, einem Freund Valentins, den er von Wickendorf her kennt. Der erinnert sich, wie tüchtig László auf dem Gut gearbeitet hatte, wie auf ihm die Hoffnungen seiner Eltern ruhten, einmal Direktor des Instituts zu werden. Doch auch daraus wurde nichts; das Institut fiel dem europäischen Konkurrenzdruck zum Opfer und wurde „eingespart“.<br />
1963 erhält die Familie die österreichische Staatsbürgerschaft. Laci ahnt vom Verhältnis seiner Mutter und des Direktors. In Gedanken beschimpft er seinen Vater, der so ahnungslos ist. Und 1964 ist er sich sicher. Zu einem Zeitpunkt, als Weitmann auch die Mutter bereits wieder hintergangen hatte – und sich mit einem (weiteren) geprellten Ehemann prügelt. Damals konnte Valentins Vater eine Anzeige abwenden. Kurz darauf muss sich Etelka das Leben genommen haben. Dass ihr Mann auch davon wusste, erfahren wir erst ganz zum Schluss, als Pischti am Grab seiner Frau, elf Jahre später, wie so häufig, mit ihr spricht, ihr alles erzählt. Er ist überzeugt, dass Etti alles sieht und weiß, dass sie sich einmal wiedersehen werden. Zwei Dinge wirft er sich vor, dass er sie nicht glücklich – und nicht eifersüchtig hatte machen können. Doch ein einziges Mal will er von ihr „hören“ – erfahren, dass auch sie Weitmann für einen Dreckskerl hält.<br />
An diesem Tag erschießt sich der Direktor, aber nicht wegen Frauengeschichten, sondern weil er Geld veruntreut und Angst um seine Reputation hatte.</p>
<p>Bei einem letzten Treffen fassen Valentin und László die Geschichte noch einmal zusammen: Valentin: “Er hätte Achtung vor Ihrer Mutter haben sollen, bei ihrem Schicksal. Er hätte wissen müssen, dass er sie nicht aus der Bahn werfen durfte, dass sie Rücksicht auf ihre Familie nehmen musste.“ László: „Er hat meine Mutter veruntreut“.</p>
<p>Was den Roman so raffiniert macht: Alle Beteiligten, Leser, Valentin, László, wissen etwas, jeder hat ein paar Puzzlestücke der Geschichte vor sich: der Leser weiß, dass Familie Földesch hat fliehen müssen; Valentin erinnert sich, dass in der Kanzlei seines Vaters einmal von „einer kleinen Ungarin“ gesprochen wurde und vermutet, dass es sich dabei um Lacis Mutter handelte. Laci kennt natürlich seine eigene Geschichte, aber er will genau wissen, wie der Dr. Görtz sen. in den Fall mit verwickelt war. Auch Katharina, die den Ungarnbub als Kind, Jugendlichen und jungen Mann kannte und anhimmelte, kann einige Mosaiksteinchen beitragen.</p>
<p>Über Evelyn Schlag<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/schlag_evelyn.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Gyula Krúdy &#8222;Das Gespenst von Podolin&#8220;</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 20:58:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krúdy, Gyula]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[wieder- und neuentdeckte Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Buchreihe: Literaturwunderland Ungarn Aus dem Ungarischen von György Buda Verlag: Kortina; ISBN: 978-3-9502315-6-4 Originaltitel: A podolini kísértet Bezug: Buchhandel Preis: Euro 18.90 Zum Text: Der exzellente Romancier Krúdy erzählt ironisch eine märchenhafte, aber eigentlich banale Geschichte, zwar in der Zeit um die Jahrhundertwende angesiedelt, aber dennoch zeitlos; denn sie spiegelt den Traum der einfachen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=703&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/das_gespenst_von.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-704" title="das_gespenst_von" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/das_gespenst_von.jpg?w=500" alt=""   /></a><em>Roman<br />
Buchreihe: Literaturwunderland Ungarn<br />
Aus dem Ungarischen von György Buda<br />
Verlag: Kortina; ISBN: 978-3-9502315-6-4<br />
Originaltitel: A podolini kísértet<br />
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 18.90</em></p>
<p>Zum Text:<br />
Der exzellente Romancier Krúdy erzählt ironisch eine märchenhafte, aber eigentlich banale Geschichte, zwar in der Zeit um die Jahrhundertwende angesiedelt, aber dennoch zeitlos; denn sie spiegelt den Traum der einfachen Leute wieder. Er führt den Leser in eine überaus verschlungene Geschichte, in der es geistert und spukt, arme Leute reich und Adelige arm werden, unglückliche Lieben enden und eine glückliche beginnt. Er verwebt vor uns wunderbare Landschaftsbilder, Dörfer mit ihren Menschen und Herrschaften, schrullige Käuze und märchenhafte Begebenheiten zu einem dichten Bild und bietet uns damit die farbige Beschreibung der damaligen Zeit, als das „alte Ungarn“ bereits im Niedergang begriffen war.<br />
Der Autor wechselt von einem Kapitel zum anderen zwischen seinen Hauptpersonen, dem slowakischen Waisenmädchen Antschurka, dem Burgherrn von Niszder, György Kavaczky, dem Verwalter Kázmér Riminszky und der Uhrmachertochter aus Heidelberg und späteren Burgherrin in Ungarn, hin und her. Damit die Geschichte nicht zu unübersichtlich wird, gebe ich die Einzelabschnitte zusammengefasst wieder. Außerdem erwähne ich nur die wichtigsten Namen.</p>
<p>Inhalt:<br />
Die Erzählung beginnt im verschlafenen Städtchen Podolin. Dort lebt der reiche Gutsherr und Sonderling Kázmér Riminszky, polnischer Herkunft. Er hatte seinen Reichtum als Gutsverwalter des Burgherren von Nizsder, Kavaczky erworben, ebenso wie mit der Zucht riesiger Schafherden. Kavaczky, der letzte seines Geschlechts, unverheiratet und kinderlos, fand bis zum Tod nichts schöner, als sich von der Blaskapelle von Kranyoka einzig immer den Rákóczi-Marsch aufspielen zu lassen und dazu mit Gästen oder allein Unmengen Tokajer Wein zu trinken. Zuerst waren alle Gutsherren und Adeligen darauf versessen, eingeladen zu werden, doch allmählich wurde er so versponnen, dass alle ausblieben und er einsam sterben musste. Die Legende freilich weiß auch hier so manches zu berichten, dass nämlich am Tag vor seinem Tod jemand in der Burg erschienen war, mit dem er bis zum Umfallen getrunken habe. Und diesem Sámuel Pogrányi habe er dann die Burg vermacht, was der Notar bezeugen kann. Diesen neuen Burgherrn bekommt allerdings nie jemand zu Gesicht, einzig die Wirtschafterin, die Witwe Komáromi, führt alle seine Wünsche und Befehle aus, scheint immer und überall gleichzeitig zu sein, dem neuen Burgherrn entgeht rein gar nichts. – Die Witwe auf ihrer Kutsche, die sie selbst lenkt, ist sofort zur Stelle. Besonders die Säufer werden verfolgt. Neue Zeiten sind angebrochen, in der Burg wird nichts mehr getrunken, keine Gäste eingeladen. Die unterschiedlichsten Gerüchte schwirren umher. Nur eines ist gewiss: Der Lohn wird pünktlich bezahlt, der blinde, ehemalige Trompeter weiter beschäftigt. Er wartet vor der Zimmertür sitzend, auf die Glocke, die ihn zu seinem Herrn ruft. Sonst herrschte Totenstille in und über der Burg. Nur zuweilen kommt ein Besucher, nämlich Gutsherr und Verwalter Riminszky. Ihm zu Ehren gibt es sogar Wein aus dem tiefen Keller. Einige Verwegene wollen sogar gesehen haben, dass eine weibliche Hand mit einem weißen Taschentuch Riminszky aus einem Fenster nachgewinkt habe. Und ein ganz Vorwitziger behauptet gar, der neue Burgherr sei eine Frau.<br />
Zwischendurch erfährt der Leser vom armen slowakischen Bauernmädchen, der Waise Anna (Antschurka) Prihoda. Sie ist 15 Jahre alt, ihr Vater in Amerika verschollen, die Mutter im eisigen Winter viel zu früh verstorben. Antschurka wandert nach Podolin. Dort führt ihre Tante, die Witwe Marczinka mit dem betagten „Zwerg“ Mik den Haushalt von Riminszky. Das Mädchen hilft bei der Arbeit, wird von allen gern gesehen und als ihr noch eine kleine weiße Katze zuläuft, die sie innig liebt, wird sie von allen Hausbewohnern geradezu verhätschelt. Besonders aus dem anfangs ablehnenden Mik wird allmählich der besorgte Beschützer. Selbst der Herr beginnt sich für sie zu interessieren. Und das kommt so: Als der einmal ziemlich krank ist und deshalb schlechter Laune, wird Antschurka mit ihrer Katze zu ihm gerufen, um ihm die Zeit zu vertreiben. Später gibt er das Mädchen in die Obhut des Burgherrn von Niszder, der sich tatsächlich als Frau entpuppt, die häufig unerkannt in Männerkleidern unterwegs ist, um ihre Untertanen zu beobachten, zu bestrafen oder zu belohnen.<br />
Diese Burgherrin war einst das Lieschen Warth aus Heidelberg. Als die Mutter gestorben, der Vater und Uhrmachermeister sein Handwerk altershalber nicht mehr ausführen kann und das Geld knapp wird, nehmen sie einen Studenten, nämlich György Kavaczky de Niszder, einen jungen reichen Ungarn mitsamt seinem Hund Poprád in Kost und Logis. Bald freunden sich hauptsächlich Vater Samuel Warth und der junge Mann an. Der Hund bringt auf mysteriöse Weise noch einen weiteren ungarischen Gast, den Dichter Sámuel Pogrányi, ins Haus. Der alte Herr liebt Musik, hat selbst schon komponiert, damit aber im örtlichen Musikverein Missfallen erregt. Und so zieht er sich mehr und mehr ins Haus zurück. An den Abenden spielt Lieschen die Harfe, der Vater die Oboe, Kavaczky schmaucht seine Pfeife und der angehende Dichter hört verzaubert zu. Klar, dass sich die beiden jungen Männer in Lieschen verlieben. Als Vater Warth sein Ende herankommen fühlt, übergibt er Kavaczky die Verantwortung für seine Tochter. Der junge Mann ist zwar etwas verdutzt über seine neue Aufgabe, doch da er verliebt ist in Lieschen (das redet er sich wenigstens ein), macht er aus ihr ein „Fräulein mit Schmuck, Garderobe und einem prächtigen Hochzeitskleid“.<br />
Während der Verlobungszeit gehen seltsame Veränderungen mit Sámuel Pogrányi vor sich: Er, der früher nie Alkohol getrunken hatte, findet sich oft in Gesellschaft liedriger Studenten und ist häufig betrunken. Dem Leser ist schnell klar, dass er sich unsterblich in Lieschen verliebt hat, aber gegen den reichen Nebenbuhler, dem zudem die Tochter versprochen ist, nichts ausrichten kann. Inzwischen verstirbt auch Kavaczkys Vater. Mit Hilfe des Verwalters Kázmér Riminszky soll er sein Erbe antreten, die Hochzeit daher möglichst rasch gefeiert werden. Am Hochzeitstag, als Kavaczky seine Braut abholen will, ist diese verschwunden. Riminszky hetzt ihn geradezu auf, den Nebenbuhler zu stellen und ihn zum Duell zu fordern. Bald sind die beiden Verliebten auch gefunden. Lieschen kann gar nicht glauben, dass sie Kavaczky folgen soll, wo sie doch nur Pogrányi liebt. Dieser nimmt die Forderung an und fällt.<br />
Kavaczky zieht sich gekränkt auf seine Burg zurück und wird dort zum trinkenden Sonderling, unterstützt von Riminszky. Aus der Ferne beobachten sie Lieschens, Elisabeths, Schicksal, die zur weltberühmten Reitkünstlerin wird und in großen Zirkussen auftritt, bis sie sich ein Bein bricht und nicht mehr auftreten kann.<br />
Das ist die Zeit, als ein Jemand in der Burg auftaucht, mit dem gealterten Kavaczky um die Wette trinkt, worauf dieser bekanntlich stirbt und die Burg den Besitzer wechselt. Nur Riminszky hat, wie gesagt, Zugang zu den Gemächern, nur er allein sieht den Burgbesitzer.<br />
Antschurka nun fühlt sich gar nicht wohl bei ihrer neuen Herren, die so unberechenbar ist, dass sie diese einmal schlägt, ein anderes Mal mit Geschenken überhäuft. Besonders nachts muss sie häufig zur Stelle sein, wenn Elisabeth Warth – die Burgherrin, Albträume hat, Gespenster sieht, mit denen sie sich auch unterhält und zwar mit Kavaczky, als auch Pogrányi. Die Gespenster scheinen so real zu sein, dass auch das Dienstmädchen sie sieht und sich immer mehr fürchtet. Da hilft auch die kleine Katze nicht. Eines Tages ist Antschurka verschwunden und Elisabeth behauptet Riminszky gegenüber, der sich besorgt erkundigt, sie habe sich im Schloss gelangweilt und sei einfach ausgerissen.<br />
Riminszky hat sich natürlich längst in Antschurka verliebt, sucht und findet sie wieder bei ihrer alten Tante, die inzwischen auf ihr Altenteil gezogen ist. Er macht der jungen Frau den Hof, will sie heiraten.<br />
Eines Tages wird er auf ein weißes Phantom aufmerksam, das er als Aberglauben abtun will, doch ist ihm recht gruselig zumute.<br />
Bald darauf läuten die Totenglocken von Niszder; Elisabet ist plötzlich gestorben. Er will die Leiche sehen und ihm ist, als würde sie ihm zublinzeln.<br />
Kurz, natürlich ist Elisabeth nicht tot, sie befreit sich mit Hilfe des Arztes aus ihrem Sarg und spielt künftig Gespenst, das als weißes Wesen überall auftaucht und genauso geheimnisvoll verschwindet.<br />
Riminszky fühlt sich hin und her gerissen zwischen seinem schlechten Gewissen Elisabeth gegenüber und seiner Verliebtheit in Antschurka. Die Liebe siegt und der Hochzeitstag wird anberaumt.<br />
Irgendwie fühlt er sich aber die ganze Zeit beobachtet und verfolgt, bis es am Tag vor der Hochzeit zu einer folgenschweren Begegnung mit Elisabeth kommt, die als mittelalterliche scharlachrote Gestalt in einer Schenke hinter ihm steht. Sie ist gekommen, um nun mit ihm abzurechnen.<br />
Sie erzählt, dass sie damals Kavaczky zum Selbstmord gedrängt habe (oder war es Giftmord?), als Sühne für den Tod ihres Geliebten. Nun sei er, Riminszky an der Reihe. Am nächsten Morgen findet man ihn tot in seiner Kutsche.<br />
Von diesem Tag an sieht man immer wieder eine scharlachrote Gestalt auftauchen, zuweilen hört man aus der Burg Harfenklänge – obwohl die Burg doch längst leer und verlassen ist.<br />
In Topperz, Antschurkas Heimatdorf taucht aber doch, denn die Geschichte muss ja einen guten Schluss haben, der verschollene Vater Prihoda auf, der seine Tochter nun mit auf eine Weltreise nimmt. Bald schon erfahren die Dorfbewohner, dass sie an der Riviera einen jungen Herrn aus Lublau, Gábor Angyalffy, geheiratet hat. Der Erzähler weiß, dass sie glücklich mit ihrem Mann in einer großen Kinderschar lebt. Immer wieder wird allerdings ein rotes Gespenst gesehen und die Legende behauptet, dass dieses niemand anderer als Elisabeth Warth sei – obwohl die doch längst gestorben ist. „Wer kennt sich aber schon bei Legenden aus“? fragt der Autor am Ende.<br />
© Gudrun Brzoska</p>
<p>Über Gyula Krúdy<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/krudy_gyula.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Gábor Schein &#8222;Lazarus&#8220;</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 20:57:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erinnerungsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Schein, Gábor]]></category>
		<category><![CDATA[zeitgenössische Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Akademie Schloss Solitude Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste Verlag; Merz &#38; Solitude.2004, Reihe Literatur; ISBN:3-929085-95-X Bezug: Buchhandel Preis: Euro 15.00 Der Roman erzählt vordergründig die Beziehungsgeschichte eines gestorbenen Va­ters und seines erwachsenen Sohnes. Gleichzeitig beschreibt er ein Stück neuere ungarische Geschichte: Die Familiengeschichte der jüdischen Verwandtschaft, die zur Hälfte im Holocaust ausgerottet wurde [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=699&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/lazarus.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-700" title="lazarus" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/lazarus.jpg?w=91&#038;h=150" alt="" width="91" height="150" /></a><em>Roman<br />
Akademie Schloss Solitude<br />
Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste<br />
Verlag; Merz &amp; Solitude.2004, Reihe Literatur; ISBN:3-929085-95-X<br />
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 15.00</em></p>
<p>Der Roman erzählt vordergründig die Beziehungsgeschichte eines gestorbenen Va­ters und seines erwachsenen Sohnes. Gleichzeitig beschreibt er ein Stück neuere ungarische Geschichte: Die Familiengeschichte der jüdischen Verwandtschaft, die zur Hälfte im Holocaust ausgerottet wurde und das Leben im Ungarn der Nachkriegszeit.<br />
Um besser und objektiver erzählen zu können, nennt sich der Erzähler Péter und seinen Vater M. Péter erzählt seinem toten Vater Geschichten, Legenden, „Tatsachen“, die er herausgefunden hat, der objektive „allwissende“ Erzähler spricht über Péter, über den Vater und die Familie. Das schafft eine große dramatische Spannung.<br />
In „Lazarus“ versucht der Erzähler seinen Vater, zu dem er während dessen Lebenszeit nicht vordringen konnte, wieder auferstehen zu lassen, sein Leben aufzurollen. Er erzählt ihm die Familiengeschichte, von der vorher nie gesprochen worden war.<br />
Er erzählt die Geschichte einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie, die den Holocaust überlebt hat, im Gegensatz zu anderen Verwandten, die nicht so glücklich waren. Der Holocaust jedoch wird verschwiegen, der Vater kann und will sich nicht erinnern, nur in die Zukunft leben. „Die genaueren Todesumstände der Verschleppten blieben vor der Familie geheim“. Die Geschichte der in Kolomea zusammengetriebenen Juden, bei der die Hälfte seiner Familie getötet wurde, kannte M. nicht. Die Alten haben auch das wenige, von dem sie wussten, in sich vergraben. Diese Geschichte und alles, was damit deutlich spürbar begonnen hat, obwohl niemand richtig weiß, wie weit sie zurückreicht, hat wie eine versteinerte Ablagerung eine Überzeugung, die im Vorfeld schon jede Hoffnung auf Veränderung vergällte, in der Familie hinterlassen, und diese Überzeugung hat M. auf Péter übertragen“. So erklärt der Erzähler.<br />
M. redet sich Scham, Verzweiflung und Selbsthass nicht von der Seele, womit er sein Trauma noch verstärkt. Da so vieles verschwiegen wird, leben die Mitglieder der Familie nebeneinander her; eine gemeinsame Erinnerung kann sie nicht zusammenschweißen. Der Vater verbietet vor seinem Tod sogar dem Sohn die Erinnerung, was in diesem aber einen „Schreibzwang“ auslöst, wie er selbst sagt. …. „Ich erzähle dir die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes und viele andere Geschichten in ihrer Geschichte, die nicht ich, sondern du erzählen müsstest, gereinigt von Betrug und Verrat, denn ich fühle, ich verrate dich, uns beide verrät die Geschichte….- Ich schreibe, weil ich das Schreiben nötig habe, nötig, um danach schweigen zu können und dein Verbot einzuhalten.“… „Du hast aber keine Worte mehr. Ich kann nichts anderes machen, als mich an deinen und an ihren (Familie) Platz zu stellen, ich muss mein eigenes Gesicht statt ihres hierher zeichnen, obwohl ich weiß, dass Gesichter nicht zu kopieren sind.<br />
Eine wichtige Figur des Romans ist der Großvater, der, als er arbeitslos wird, sich mit Malversuchen zurückzieht, dann aber den Chor der Druckerei wieder belebt, der schon vor dem Krieg bestanden hatte, &#8211; in dem sogar Attila József persönlich aufgetaucht war. Doch die Umstände sind ganz andere geworden: Als er nun den Chor neu bildete, da war die Druckerei verstaatlicht. Der Vater von M. war Fotograf und Drucker gewesen, hatte ein Lehrbuch für Fotografie und Druck geschrieben. Dieses Buch liest Enkel Péter wie eine zwischen den Zeilen versteckte Botschaft, versucht, daraus für sich einen hintergründigen Sinn zu erschließen, versucht, der Familiengeschichte auf die Spur zu kommen und damit hinter seines Vaters Gleichgültigkeit und Wortkargheit zu blicken. „Und wie schon früher, zwingt mich deine Stummheit, dieses gereizte beleidigte Zurückweisen des Gesprächs, das mich, der ich immer Erklärungen wollte, Geschichten, welche die undurchdringbare Bitterkeit zumindest verständlich werden ließen … auch jetzt wieder zu reden, nunmehr ohne jede Hoffnung auf Antwort, während ich deine Stummheit dennoch als Stummheit bewahren möchte. Nur das Reden kann deinen Tod verstummen lassen.<br />
Lazarus ist das Buch eines Versuchs, den Vater wiederzuerwecken, mit seines Großvaters Symbolen, die ihn weiterführen sollen. Péter möchte die Wirklichkeit nicht retouchieren. Nun, nachdem seines Vaters Geschichte im Wesentlichen aufgedeckt ist, darf er verstummen und in Frieden gehen.<br />
Das Buch nimmt den aufmerksamen Leser stark gefangen, gibt viele Hinweise auf Ungarns Geschichte.<br />
© Gudrun Brzoska</p>
<p>Über Gábor Schein<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/schein_gabor.html">&gt;&gt;</a></p>
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		<title>Rezension: Ernő Szép &#8222;Die Liebe am Nachmittag&#8220;</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 20:51:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gudrun Brzoska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Szép, Ernő]]></category>
		<category><![CDATA[wieder- und neuentdeckte Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008 ISBN: 978-3-423-24688-0 Originaltitel: Ádámcsutka, 1935 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 14.90 Heute würde man sagen: Ein Mann befindet sich in der „Midlife-Crisis“. Mihály, Journalist, Feuilletonist, Stücke-Schreiber, Kritiker, aber vor allem Lebenskünstler, ist gerade 46 geworden. Er erschrickt über die ersten grauen Haare, einige Falten, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ungarischeliteratur.wordpress.com&amp;blog=16887607&amp;post=695&amp;subd=ungarischeliteratur&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/eine_liebe_am.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-696" title="eine_liebe_am" src="http://ungarischeliteratur.files.wordpress.com/2012/01/eine_liebe_am.jpg?w=96&#038;h=150" alt="" width="96" height="150" /></a><em>Roman<br />
Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner<br />
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008<br />
ISBN: 978-3-423-24688-0<br />
Originaltitel: Ádámcsutka, 1935<br />
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 14.90</em></p>
<p>Heute würde man sagen: Ein Mann befindet sich in der „Midlife-Crisis“. Mihály, Journalist, Feuilletonist, Stücke-Schreiber, Kritiker, aber vor allem Lebenskünstler, ist gerade 46 geworden. Er erschrickt über die ersten grauen Haare, einige Falten, den kleinen Bauchansatz, Müdigkeit und Melancholie. Ewig steckt er in Geldsorgen, denn ehrgeizig und zielstrebig ist er nicht, arbeitet nur so viel, dass er gerade über die Runden kommt. Und wenn er wirklich einmal ein Stück am Theater unterbringen kann, werden seine Tantiemen gnadenlos von seinen Gläubigern, Schneider, Hutmacher, Tippfräulein und anderen, gepfändet. Dazu kommen noch seine Probleme mit den Frauen. Er, ein Charmeur alter Schule, liebt die Frauen, das heißt, er würde sie gerne lieben – und von ihnen wieder geliebt werden, doch sie schenken ihm immer nur den Nachmittag, betrügen ihre ungeliebten Männer, suchen ein Abenteuer mit dem weltgewandten, eleganten Mann.<br />
Z. Zt. hat er schon seit zwei Jahren eine Affäre mit „5 (cinq) Fleurs“, die er nach ihrem Parfüm nennt. Doch die Beziehung, der Tratsch, das geringe Interesse an Bildung, die ewigen Gespräche um Mode langweilen ihn bereits, wenn sie ihn ab und zu auch amüsieren; er macht sich dann vor, daraus Stoff für seine Romane oder Theaterstücke zu finden. Aus purer Gewohnheit bleibt er mit ihr zusammen, schränkt die Treffen aber drastisch ein, schützt Arbeitsüberlastung vor. Meist schreibt er allerdings irgendetwas, dessen er sich oft genug schämt, nur damit er wieder ein paar Pengő verdienen kann. Gutmütig und gutherzig sorgt er für Mutter und Schwester, hilft Künstlerkollegen, die noch ärmer sind als er &#8211; und kaschiert diese Gefühle gern mit Zynismus.<br />
Doch nun ist ihm etwas so Schönes widerfahren: Iboly, eine junge Schauspielschülerin hat ein Auge auf ihn geworfen, hat sich, ganz nach Backfischart in den älteren Herrn verliebt, von dem sie viel lernen will. Zu Anfang ist Mihály eher unwillig. Mit so einem jungen Ding will er sich in seinem Alter nicht abgeben. Väterlich versucht er, ihr etwas Schliff im Umgang beizubringen, von seinem wenigen Geld kauft er ihr einige Kleinigkeiten wie Handschuhe, Retikül, Mantelfutter, damit sie nicht gar so unmöglich daher kommt. Gleichzeitig entzückt ihn ihre frische Art aber immer mehr; sie kann so unbekümmert drauflos plappern, erzählt alles, was ihr durch den Kopf geht. Jung und jungenhaft kann er mit ihr lachen, schert sich auf einmal nicht mehr darum, ob er gesehen wird und was die Leute denken.<br />
„Vernaschen“ möchte er sie nicht. Im Gegenteil, er macht sich Gedanken, „es“ ihr schön zu machen – „es“ soll eine lebenslange schöne Erinnerung für sie werden, wenn sie sich ihm hingibt. Er fühlt sich verantwortlich für dieses „Kind“. Je mehr Iboly ihm Avancen macht, umso nachdenklicher wird er – obwohl er sie schon auch gerne gehabt hätte. Doch irgendetwas fehlt ihm, irgendetwas gibt sie ihm nicht. Er sucht die echte, tiefe Liebe, um deren Preis er sich auch binden und treu sein würde.<br />
Als Iboly ausgewählt wird, die Hauptrolle in einem Prüfungsstück zu spielen – die Protagonistin befindet sich in einer ähnlich hoffnungslos armseligen Lage wie sie &#8211; erkennt er ihr nur mittelmäßiges Talent.<br />
Und er schiebt sie sachte einem Verehrer zu, einem Metzgersohn, mit dem sie Kinder haben und glücklich werden soll. Dass er ihr damit die künstlerischen Träume stutzt, wird sie dann schon verwinden. Ja, er geht sogar einen Schritt weiter und spricht mit dem jungen Mann, ermuntert ihn, Iboly zu hofieren.<br />
Dass die Begegnung mit Iboly etwas Schönes war, in ihrer Unbekümmertheit, Naivität und Frische, das erkennt er jetzt, da er seine Tagebucheinträge kritisch analysierend zusammenfasst. Jetzt endlich erkennt er auch den Hauch von Glück, leicht und flüchtig wie ein Schmetterling, der über dieser Begegnung geschwebt hatte.<br />
Alle Kapitel sind mit „Nacht“ überschrieben. Nachts nämlich schreibt er Tagebuch, der Nachmittag gehört den Frauen, der Liebe, den wunderschönen Spaziergängen durch Budapest, der Beobachtung seiner Mitmenschen, den Einladungen in reiche und arme Häuser, der Natur.<br />
Mihály ist ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen den beiden Weltkriegen. Den ersten hat er als Soldat mitgemacht, er sinniert immer wieder darüber nach &#8211; sowie er über den Tod, über das Leben an sich, kurz, wie bin ich als Mensch &#8211; in tief melancholische Gedanken gerät.<br />
Als ob der Autor, Ernő Szép in der Figur des Mihály schon geahnt hätte, dass die Zeit der eleganten, leisen und diskreten Dichter einige Jahre später, mit dem Einfall von Hitlers Truppen und danach, mit der Zeit des Sozialismus, vorbei sein würde. Die Zeit davor war noch die Welt des Bürgertums, der Kaffeehäuser, der Diskretion, „man“ wusste, wie man sich zu kleiden, zu geben hatte, selbst wenn die guten Umgangsformen und das „Gewusst-wie“ den von Auftrag zu Auftrag hastenden Mihály fast an den Abgrund des finanziellen Ruins brachten.<br />
Ernő Zeltner, der auch Márai übersetzt hat, trifft den wunderschön leichten, eleganten, witzigen, auch zynischen Ton, die Melancholie, die alles einhüllt, in jeder Nuance, so dass es eine wahre Freude ist, dieses Buch der leisen Töne zu lesen. Hoffentlich werden auch bald die anderen Romane von Ernő Szép übersetzt und publiziert.<br />
© Gudrun Brzoska</p>
<p>Über Ernő Szép<a href="http://www.ungarische-literatur.eu/autoren/szep_ernoe.html">&gt;&gt;</a></p>
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